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Was Schauspielerei mit Authentizität zu tun hat

Wir alle spielen im Alltag Rollen. Egal ob Kind, Mutter, Chefin, Mitarbeiter, Freund, Verkäuferin, Postbote, wenn wir interagieren, gleichen wir in der Regel unbewusst die Erwartungen an unser Verhalten und unsere Bereitschaft, das entsprechend zu bedienen, ab. Wenn wir uns den Erwartungen an unser Verhalten nicht gewachsen fühlen, wenn uns etwas „bevorsteht“ oder wenn wir vielleicht auf alles gefasst sein wollen, üben wir manchmal bewusst, wie wir uns in Situation xy verhalten werden. Wir proben die Rolle. Die meisten Menschen haben schon solche Situationen erlebt, in denen sie vorher geprobt haben. Welche Situationen das im Einzelnen sind, ist sehr unterschiedlich.
„Ich würde gern eine Maske spielen, hinter der ich sicher bin.“
In Coachings und Trainings werden wir immer wieder von Kunden und Kundinnen gebeten, ihnen beizubringen, wie sie die eine oder andere Rolle im Alltag besser spielen können. Rollen zu spielen ist schließlich unsere Spezialität beim Theater. Schutz kann eine Maske dann geben, wenn sie souverän und authentisch gespielt werden kann, wenn sie etwas mit dem Charakter zu tun hat. Wenn das Spiel unauthentisch wird, wird das Gegenüber irritiert. Es wird wahrscheinlich entweder das Interesse verlieren oder versuchen herauszufinden, was denn genau das Irritierende ist, also nachforschen, was denn da vor ihm versteckt werden soll. Das kann sehr unangenehm werden. Oder der Eindruck "versucht etwas zu spielen, was nicht ist" setzt sich fest, aber nicht im Hinblick auf schauspielerische Leistung, sondern im Hinblick auf Fachkompetenz. Wer schlechte Vorträge hält, kann fachlich brilliant sein. Das ist eine Kombination, die leider recht häufig vorkommt. Und das Publikum kann nicht immer zwischen Inhalt und Präsentationsleistung unterscheiden.

Was ist Authentizität?
Authentizität wird bestimmt durch die „Glaubwürdigkeit“ eines Verhaltens, also die Frage, ob wir jemandem seine Rolle „abkaufen“ oder sie für gespielt halten. Wem man jede Gefühlsregung vom Gesicht ablesen kann (und wer sich auch danach verhält), der ist beispielsweise authentisch. Sie können aber auch authentisch sein, wenn Sie nicht immer ALLES zeigen, wenn Sie sich auf den Teil konzentrieren, den Sie gerade zeigen möchten. Eine Mutter, die ihr Kind dabei erwischt, wie es den Kindergarten schwänzen will, wird wahrscheinlich verschiedene Emotionen haben: Überraschung, Schreck, Ärger und vielleicht wird sie amüsiert sein ob dieser skurrilen Idee. Dem Kind gegenüber möchte Sie letzteres vielleicht nicht zeigen, also konzentriert sie sich auf die anderen Emotionen. Und die sind ja auch da, authentisch. Und genau diese Art der Konzentration auf bestimmte Aspekte, auf innere Anteile, können im Schauspiel und auch im Unternehmenstheater (Coaching oder Training) geübt werden. Es gibt die unterschiedlichsten Gründe, warum Menschen sich nicht völlig zeigen möchten: es könnte in der Situation unangemessen sein, sie könnten die Befürchtung haben, ihrer Umwelt zu viel zuzumuten, sie möchten nicht, dass jemand weiß, wie es ihnen wirklich geht. Ein Satz, der so oder ähnlich dann fallen kann, ist: „Man kann mir immer bis in die Seele blicken, das möchte ich nicht mehr.“
Mit Leichtigkeit entscheiden können, welchen Anteil der eigenen Seele Sie im hier und jetzt zeigen möchten, trägt zur Qualität des Schauspiels bei, es ist authentisch und berührt die Zuschauenden. Und es erleichtert das „echte“ Leben“, weil selektive Authentizität ein guter Schutz sein kann. Sie zeigen etwas, das die Menschen glauben können, denn es ist wahr. Und dadurch, dass Sie entscheiden, was Sie zeigen wollen, legen Sie gleichzeitig fest, was Sie nicht thematisieren werden.

Was ist authentisches Spiel?
Auf der Bühne produzieren wir bestimmte Rollen bewusst, wir arbeiten mit Techniken, die uns helfen, „in die Rolle zu kommen“. Eine dieser Techniken ist die Arbeit mit biografischen Anteilen. Eine Rolle, oder wie sie auch genannt wird: eine „Maske“, kann wesentlich authentischer und glaubhafter gespielt werden, wenn sie einen Teil der eigenen Persönlichkeit widerspiegelt. Um diese Glaubhaftigkeit zu erreichen, können wir im Schauspiel wie im „echten“ Leben auf Emotionen und Erlebnisse aus anderen Zusammenhängen zurückgreifen, die uns helfen, die entsprechende Rolle einzunehmen. „Wo habe ich schon einmal das Gefühl gehabt / die Haltung gehabt / die Einstellung gehabt, die ich jetzt benötige?“ Wenn Sie Zugriff auf solche Situationen oder Emotionen haben, können Sie sie mit einer Mischung aus Impathie, also der Fähigkeit, in sich selbst hinein zu fühlen, ein paar Techniken und etwas Training nutzen und einsetzen lernen. Je authentischer der Schauspieler mit seinen Emotionen umgehen kann, desto leichter fällt das Spiel damit. Als Nebeneffekt führt die Auseinandersetzung mit den eigenen Emotionen übrigens auch zu größerer emotionaler Ausgeglichenheit.

Die Bühne ist der sicherste Ort der Welt.
Auf der Bühne spielen wir eine Rolle und erwecken sie mit authentischen Emotionen und Persönlichkeitsanteilen zum plastischeren Leben. Im Alltag versuchen Menschen oft, möglichst wenig von sich zu zeigen. Dadurch wird die „Rolle“ schnell unauthentisch, leer, schemenhaft. Oder die darunter liegenden Emotionen (Ärger, Trauer, Scham,…) scheinen durch. Auch das ist wenig hilfreich. Also benötigen auch Alltagsrollen eine biografische Verankerung, um glaubwürdig gespielt zu werden.
Da die Rolle aus den Ressourcen des Schauspielers heraus gespeist wird, muss zumindest EINE entsprechende Ressource (Erfahrung , Emotion, Situation,…) da sein. Wenn wir mit Menschen an ihrem Rollenverhalten arbeiten, geht es in der Regel darum herauszuarbeiten, welche entsprechenden Ressourcen der Mensch mitbringt, die im Kontext, z.B. dem beruflichen Zusammenhang gefordert werden. Diese können dann effektiv gestärkt werden.
Und da die meisten Menschen glaubwürdiges Schauspiel  lieben, gilt auf der Bühne wie im echten Leben: Bitte seien Sie gut weit wie möglich Sie selbst, wie es Ihnen in dieser Situation möglich ist. Je besser Sie im Kontakt mit sich selbst sind, desto sicherer können Sie sein, dass Sie verstanden werden.
In diesem Sinne stärkt Authentizität auch die Kommunikationsfähigkeit. Je stärker die Kongruenz von auf und zwischen den Zeilen ist, desto klarer kommt die Botschaft an.

Immer flexibel bleiben…
Natürlich sind die meisten Rollen und Masken nicht universal einsetzbar. Der Bankdirektor wird sich seinen Kindern gegenüber anders verhalten als in der Bank seinen Mitarbeitenden gegenüber. Bei der Theatervorstellung der Kinder werden Tränen der Rührung sicher anders wirken, als bei einer Quartalspräsentation der Innenrevision. Flexibilität und die schnelle Verfügbarkeit unterschiedlicher Rollen sind also wertvolle Fähigkeiten im Spiel des Lebens. Während im klassischen Theater einzelne Rollen oft wochenlang geprobt werden, ist beim Improvisationstheater die schnelle Verfügbarkeit verschiedenster Charaktere ein wichtiger Faktor. Wer gerade noch Fahrkarten kontrolliert hat, plant im nächsten Moment die Übernahme der Weltherrschaft oder verliebt sich unsterblich. Und auch wenn Sie im Alltag Ihre Rollen nicht ganz so häufig wechseln, nehmen auch Sie verschiedene Rollen ein. Vielleicht mögen Sie ja einmal einen Tag lang nachzählen, wie viele „Szenen“ mit unterschiedlichen „Rollen“ sie spielen.
Uns macht die Arbeit am authentischen Spiel großen Spaß. Wir schlüpfen für Sie in Rollen oder unterstützen Sie in Coaching bzw. Präsentationstraining oder bei Führungskräftetrainings, Ihre Rollen zu finden und erfolgreich und mit Freude am Spiel einzunehmen.

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